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Wir haben es geschafft !

 

Jakob als Kleinkind

... Zwischen Jakobs zweitem und drittem Lebensjahr bezogen wir ein eigenes Haus. Nun hatten wir einen eigenen Garten, in dem wir nach Herzenslust arbeiteten. Wenn Jakob buddeln oder Steineschleppen konnte, ging es ihm gut. Er war ein zufriedenes und glückliches Kind. Er lachte viel und das brachte mich zum Lachen. Ich dachte oft, dass er seinen Weg gehen wird und das ihm sein starker Wille nützlich sein wird. Leider war mir nicht klar, dass sein starker Wille, oder auch seine Ich-Bezogenheit, ihm sein Leben in unserer Gesellschaft so schwer machen würde. Seine Grobmotorik war sehr gut ausgeprägt, für das Feine konnte er sich nicht erwärmen. Er wollte mit Buntstiften keine herrlich bunten Bilder malen oder ein Bild ausmalen. Still und in Ruhe spielen lag ihm gar nicht. Er war ständig in Bewegung und war nicht tot zu kriegen. Er war nicht in der Lage, sich länger und ausdauernd mit einer Sache zu beschäftigen. Seine Freude ließ nach kurzer Zeit nach und er suchte nach einem neuen Kick. Alles wurde demontiert, jedoch nicht wieder zusammengebaut. Seine Konzentration war mäßig, infolgedessen ließ sein Interesse an einem Spiel schnell nach. Jakob war überhaupt nicht ängstlich, nichts war zu hoch oder nicht zu erreichen. Er erreichte immer sein Ziel, ob es das Erklettern eines Baumes war oder das Balancieren über einen schmalen Steg. Diese Dinge erledigte er mit traumwandlerischer Sicherheit. Bei Gleichaltrigen sah dies häufig unbeholfener aus, oft brauchten sie Anleitung beziehungs- weise Hilfe oder waren scheu und ängstlich.

Ein großes Thema waren seine Tischmanieren. Jakob wollte oder konnte nicht stillsitzen, ständig wippte er auf seinem Stuhl herum. Er stand auf, ging zum Kühlschrank und öffnete und schloss die Türe. Auf und zu, auf und zu und auf und zu. Ich glaube, selbst wenn man ihn angebunden hätte, hätte er einen Weg gefunden, um weiter zu machen. Den Umgang mit Messer und Gabel lernte er nicht. Er löffelte die Suppe nicht, nein, er schleckte sie wie ein Hund. Es war einfach schrecklich, jeden Mittag das Theater, erst in Ruhe, dann mit entsprechend angespannter Stimme, mit Wut, mit aufs Zimmer schicken, mit Tränen und Hoffnungslosigkeit. Alle Mütter waren in der Lage, ihre Kinder das Miteinander am Tisch zu lehren, aber ich versagte. Viele Mütter zeigten mir auch, dass ich versagte. Das tat weh. Sie hatten doch keine Ahnung wie es ist, so ein Kind zu haben. Viele sagten, es läge doch nur an der Erziehung, ich sei nicht konsequent und streng genug ... 

Das dritte und vierte Schuljahr

Jakob war treu, nicht aggressiv und überhaupt nicht dominant bei seinen Freunden. Er beschützte und verteidigte sie bis aufs
Blut. Jakob hat bis heute einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn, ist nicht nachtragend und auch nicht Besitz ergreifend
oder eifersüchtig. Die Mütter und Väter seiner Freunde verstanden überhaupt nicht, wieso er in der Schule so ein auffälliges
und aggressives Kind war. Bei ihnen zu Hause gab es nie, so sagten sie, einen Grund, um Jakob zurechtzuweisen. Er sei zuvor- kommend und lieb. Damals schon merkte ich, dass Jakob, wenn er sich angenommen fühlte, wesentlich zugänglicher und weicher war. Er ließ sich einfach besser führen und war ruhiger und sozialer....

... Wenn ich überlege, wie viele Gespräche wir schon geführt, Therapien ausprobiert und Ärzte schon aufgesucht hatten und wie viel Zeit für all diese Untersuchungen uns verloren gegangen war. Habe ein unangepasstes Kind und du sitzt viele, viele Stunden in irgendeinem Wartezimmer. Die Diagnose lautete: „Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“. Die Tests hatten Namen wie CFT 20 – R, Zahlenverbindungstest, verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest, d2-Aufmerksamkeitsbelastungstest, HAWIK-III und Angstfragebogen für Schüler ...

Die Wiederholung der siebten Klasse

... Kurz vor den Herbstferien stürzte er wieder ab. Es hagelte wieder Tadel und ich war fassungslos. Hat es denn nie ein Ende, hatte ich mich gefragt. Ich fühlte mich so hilflos und erschöpft. Diese Ohnmacht zu spüren, es war kaum auszuhalten. Ich sah kein Licht mehr am Ende des Tunnels und kämpfte mit Gefühlsschwankungen. Schon wieder die Enttäuschung. Ich erlitt wieder einen Hörsturz. Es kam zur stationären Aufnahme. Kurz nach meiner Entlassung folgten Gespräche mit den Lehrern. Einige hatten noch Geduld, andere wiederum waren mit ihrem Latein am Ende. Per Post kam fast täglich ein Tadel bis hin zum Schulleiter-Tadel. Wieder war ich hin- und hergerissen, ob Jakob nun wegen seiner ADHS-Problematik oder wegen seiner überaus egoistischen und tyrannischen Art so ein unsoziales Verhalten an den Tag legte. Er machte einfach keine Hausaufgaben, er ärgerte seine Mitschüler, die ihn auch provozierten. Jakob sah immer nur sich, gab allen anderen die Schuld für sein Verhalten. Er war überhaupt nicht in der Lage zu reflektieren und die Situation objektiv zu betrachten. Er veränderte sein Verhalten auch dann nicht, wenn klar war, dass er Mist gebaut hatte.

Bei uns Zuhause spitzte sich die Familiensituation immer mehr zu. Er schlief jeden Tag bis 17 Uhr, dann stand er auf, ging zum
Sport und kam erst so gegen 21 Uhr zurück. Er war oft auf sozialen Plattformen im Internet unterwegs, nahm sein Abendbrot
im Zimmer ein und schlief meistens erst so gegen ein oder zwei Uhr nachts ein. Morgens wollte er nicht aufstehen, natürlich,
er war müde. Immer öfters versuchte er, zu Hause zu bleiben, er klagte über Magenschmerzen, Kopfschmerzen und Hals- schmerzen. An manchen Tagen stand er auf, ging duschen und legte sich wieder ins Bett. Jeden Morgen hatten wir Auseinandersetzungen, Stress und Wutausbrüche. Es war sehr nervenaufreibend und belastend ...

 

 


 


 


 


 

 
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